Festvortrag zum Stadtkirchenjubiläumvon Bettina Bethlen
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir feiern dieses Jahr das Jubiläum »125 Jahre Stadtkirche«, was natürlich im Vorfeld zu mancher Diskussion geführt hat. Ausstellung und Festvortrag sollten das Jubiläum eröffnen; eine gute Idee, fand ich damals. Als ich allerdings später erfuhr, dass mir die Ehre des Festvortrags zuteil werden sollte, fand ich die Idee nicht mehr ganz so gut. Aber wie Sie sehen, habe ich mich der Aufgabe gestellt und lade Sie ein zu einem kurzen geschichtlichen Streifzug – mit Zeichnungen meiner Freundin Ulrike Jörg.


1879 trug Pfarrer Eberlin dem Großherzog das Kirchenproblem mündlich vor; 1883 nutzte er den Glückwunsch zum Geburtstag des Großherzogs als Erinnerung. Der Großherzog stellte in seinem Dankesschreiben an den Kirchengemeinderat eine, wie er es nannte, »baldmöglichste« Lösung des Kirchenraumproblems in Aussicht. Da wir in diesem Jahr auch das Reformationsjubiläum feiern, sei erwähnt, dass der fleißige Pfarrer 1883, anlässlich des 400. Geburtstag von Martin Luther, ein Buch über die Reformatoren veröffentlichte, in dem er über das Wirken von Martin Luther, Philipp Melanchton, Huldrich Zwingli, Johannes Calvin, John Knox und anderen berichtet. Anders als beim Bau der Kirche St. Michael, die seinerzeit auf dem Gelände der abgerissenen Schlosskapelle entstanden war, musste man für einen Neubau einen Bauplatz suchen. Diskutiert wurden die Bauplätze »Bifig« oder Himmelreich. Der erste Bauplan projektierte 1780 Sitzplätze und wurde als zu groß und aufwendig verworfen; auch die überarbeiteten Entwürfe fanden keine Gnade. Der größte Kritiker der Pläne war Baudirektor Prof. Josef Durm aus Karlsruhe, der dann auf Wunsch des Ministeriums die Gesamtplanung selbst in die Hand nahm. 1885 wurde der Bauplatz

Pfarrer Eberlin schrieb im Schlusswort der Schopfheimer Geschichte: Unsere Stadt war von jeher ein Liebling unseres Fürstenhauses, das stets bestrebt war, das Wohl des Volkes zu fördern. Nach der feierlichen Grundsteinlegung ging es mit dem Rohbau zügig voran, im Dezember

Die Fa. Bachert in Dallau erhielt im Februar 1891 den Auftrag über vier Bronzeglocken im Gesamtgewicht von 3250 kg. Die Glocken sollten die Namen Friedrich, Luise, Hebel und Wiese erhalten. Fast zeitgleich bemühte man sich um den Erwerb eines würdigen Orgelwerkes. Die Kirchengemeinde bestellte bei der Orgelfabrik H. Voit & Söhne eine »Orgel mit Röhrenpneumatik zu 24 klingenden Registern«.

Der Abschiedsfeier in der alten Stadtkirche, die um ½ 10 begann

Projekt und Durchführung des Stadtkirchenbaus wurden von Anfang an kritisiert; es war von »stilwidrigen Mißgestaltungen« die Rede. Einige Jahre später kam die gesamte Richtung des Historismus in Verruf – und damit auch die Stadtkirche. Der Bau machte technisch Schwierigkeiten: das Dach wurde mehrmals umgedeckt, da die Glasurziegel fehlerhaft waren. Auch mit der Akustik gab es Probleme: daher schaffte Pfr. Faisst 1917 eine fahrbare »Notkanzel« an, um näher bei der Gemeinde zu sein. In diesem Jahr wurden auch – es war der 1. Weltkrieg – die Glocken beschlagnahmt.
Pfingstsonntag 1937 kam nach sorgfältiger Restaurierung das Kruzifix von 1687 aus der Alten in die Neue Stadtkirche. Das barocke Kreuz war seinerzeit von Wundarzt Stupfer zum Gedenken an die Pest im Jahre 1647 gestiftet worden. Das Kreuz war auch Thema der erschütternden Abschiedspredigt, die Pfarrer Hugo Specht im September 1937 – also vor 80 Jahren – hier in der Stadtkirche hielt. Die aufkommende nationalsozialistische Ideologie in der Reichskirche hatte seine Arbeit in Schopfheim erschwert. Ein Teil der Gemeindeglieder kehrte sich von der Kirche ab, doch es blieb ihm auch eine Gemeinde, die mit ihm auf dem Weg zum Kreuz Christi blieb und nicht zum Hakenkreuz ging. 1940, während des 2. Weltkrieges, wurden drei Glocken der 2. Glockengeneration von 1920 beschlagnahmt, die kleinste Glocke »Frieden« musste nicht abgeliefert werden.
1952 erhielt die

Das Jubiläum zum 100jährigen Bestehen der Kirche im Jahre 1992 konnte in

Am 20. Juli 1996 feierte die Gemeinde wieder ein wunderschönes Fest in und um Kirche und Gemeindehaus. In der Nacht weckte uns ein Anruf von Kantor Winkler, der neben der Kirche wohnte, mit der Hiobsbotschaft: die Kirche brennt.


Bei der Wiederherstellung der Stadtkirche galt es, die heutigen Bedürfnissen der Gemeinde zu berücksichtigen. Die vorhandene Abschrankung im Chorbereich wurde durch eine großzügige Treppenanlage ersetzt; in der Vierung wichen die Sitzbänke Stühlen, was aus liturgischen Gründen gewünscht war. Während der über zwei Jahre dauernden Renovierungsarbeiten durften wir viele Gottesdienste in der Katholischen Kirche feiern; sicher ein Zeichen der guten Ökumene hier in Schopfheim. Am 13. Dezember 1998 fand die feierliche Wiedereinweihung der Stadtkirche statt.

Am 30. Dezember lag zum ersten Mal seit 1892 das Kreuz wieder am Boden. Schwindelfreie Handwerker hatten es aus rund 53 Metern Höhe zur Erde geholt.
Im August 2002 kam das vergoldete Turmkreuz nach umfangreicher Turmsanierung wieder an seinen angestammten Platz.

Zu einer Kirche gehört auch eine Gemeinde. Die war im 18. Jahrhundert so groß, dass die Alte Stadtkirche nicht für alle Gemeindeglieder Platz bot, was bekanntlich zum Neubau führte. 1928 kam es dann zur Teilung der großen Pfarrei in obere und untere Pfarrei. Knapp 30 Jahre nach der Einweihung der Neuen Kirche, Ende 1928, stand in einem Visitationsbescheid des Oberkirchenrates: Schopfheim ist allmählich, was den Kirchenbesuch betrifft, auf einem Tiefpunkt angelangt, der weit unter jeder anderen Kirchengemeinde mit gleicher Seelenzahl zu liegen kommt. Und Pfarrer Siefert dachte an einem Sonntag im September 1937 im Gemeindeblatt darüber nach, warum von den über 4000 Evangelischen des Kirchspiels wieder nur so betrüblich wenige den Weg in das Gotteshaus gefunden haben. Der schlechte Kirchenbesuch ist also nicht erst ein Thema unserer Tage. Schopfheim ist stetig gewachsen, und 1976 kam es zur Errichtung einer 3. Pfarrei, der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Wiechs und Langenau. Die Stadtgemeinden wurden in St. Michaelsgemeinde Ost und St. Michaelsgemeinde West umbenannt. Die Pfarrstellenkürzung um 50 %, die der Bezirkskirchenrat durchsetzte, führte 2007 zur Errichtung des Gruppenamtes St. Michael mit Eichen. Seit April 2014 ist bekannt, dass sich die evangelische Landeskirche von einigen Immobilien trennen will bzw. muss. Dies beeinträchtigt auch die Diskussion um den Bau eines dringend benötigten neuen Gemeindehauses für die vielen Gruppen in unserer Gemeinde. Die St. Michaelsgemeinde präsentiert sich heute als vielfältige, facettenreiche Gemeinde, die das altehrwürdige Gemäuer Stadtkirche mit Leben erfüllt. Heute beginnt die Festwoche 125 Jahre Stadtkirche mit der Ausstellungseröffnung, zu der Sie herzlich eingeladen sind. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. Bettina Bethlen
